Liebe Brüder und Schwestern,

 „Wellness“ ist in. Wellness-Urlaube, Wellness-Wochenenden usw. Wellness ist englisch und bedeutet Wohlfühlen. Die „Wellnessphilosophie“ stellt das ganzheitliche Erleben des Menschen in den Mittelpunkt. Alle Sinne werden einbezogen und das soll dazu führen, dass ein Mensch sich rundherum wohl fühlt.

Jeder Gottesdienst ist – recht verstanden – auch eine Art „Wellness“.  Denn auch im Gottesdienst werden Körper und Sinne angesprochen. Wir fühlen unseren Körper, beim Stehen, sitzen oder knien. Wir hören, riechen, sehen, schmecken und tasten. Vieles in der Liturgie der Kirche spricht unsere Sinne an.

Wir sehen die Kirche von außen mit dem Turm und innen sehen wir einen festlichen Raum, feierliche Gewänder, brennende Kerzen, Bilder und Statuen. Wir hören das Läuten der Glocken. Wir hören die Orgel, sanfte Klänge oder brausende Fülle. Die Schellen der Ministranten. Den Gesang des Chores und der Gemeinde. Wir tasten nach dem Weihwasserbecken und bekreuzigen uns mit dem geweihten Wasser. Oder bezeichnen uns vor dem Evangelium auf Stirn und Mund und Herz mit einem Kreuz. Wir schmecken bei der hl. Kommunion das gewandelte Brot und wissen im Glauben, dass wir den Heiland empfangen. Wir riechen die Menschen, die anwesend sind, wir riechen vor allem den Weihrauch, das Wachs der Kerzen, die duftenden Blumen. In heiligen Zeichen hören, sehen, fühlen, schmecken und riechen wir Gott.

Der Weihrauch spielt dabei eine besondere Rolle. Wenn ich Weihrauch auf die glühenden Kohlen lege, dann steigt eine weiße Wolke nach oben und alle riechen den Duft. Weihrauch – das Harz des Boswelliabaumes – ist kostbar. In der Antike war Weihrauch kostbarer und teurer als Gold. In der traditionellen arabischen Heilkunde wird die innere Anwendung von Weihrauch zur "Stärkung des Geistes und des Verstandes" empfohlen. Zudem wird Weihrauch vielerorts, abseits der Schulmedizin, auch als Heilmittel vor allem bei Darmentzündungen verwendet.

Weihrauch ist in der katholischen Liturgie nicht nur Ausdruck von Festlichkeit, er hat eine vielfältige symbolische Bedeutung: So wie die drei Weisen dem Kind in der Krippe neben Gold und Myrrhe auch Weihrauch als Geschenk darbringen (Mt 2,11), bedeutet die Verwendung von Weihrauch im Gottesdienst Verehrung und Lobpreis. In der Offenbarung des Johannes heißt es: "Alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen." (Offb 5,8). "Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor." (Offb 8,4). Auch im Psalm 141 wird der Weihrauch mit dem Gebet in Verbindung gebracht: "Mein Gebet steige zu dir auf, wie Weihrauch vor dein Angesicht." Der Weihrauch steht also nicht nur für Ehrerbietung und Hingabe, sondern auch für die Bitten und Anliegen, mit denen die Menschen zu Gott kommen.

In den antiken Religionen sowie im orientalischen und römischen Herrscherkult wurde Weihrauch häufig verwendet: Kaisern und Statthaltern wurde beim Einzug in eine Stadt Weihrauch voran getragen - als Zeichen der Huldigung. Die reinigende und wohlriechende Wirkung des verbrannten Weihrauchs wurde auch genutzt, um den Kloakengestank zu verdrängen. Das regelmäßige Ausräuchern des Privathauses mit verschiedenen aromatischen Mischungen war in der Antike weit verbreitet. Weihrauch galt als Gottesduft, ihm schrieb man geheime Kraft und eine das Böse abwehrende Wirkung zu und die Fähigkeit, Verbindung mit Gott herzustellen.

Wenn heute in der Liturgie Weihrauch verwendet wird, hat es also immer einen tieferen Sinn: Beim feierlichen Einzug besagt der Weihrauch: Wir ziehen ein zum Haus des Herrn, das ein Haus des Gebets ist. Unser Gebet steige zu Gott empor wie Weihrauch und sei ihm wohlgefällig. Wenn der Altar beräuchernd umschritten und das Kreuz – in der Weihnachtszeit das Kind in der Krippe, an Ostern die Osterkerze – inzensiert wird heißt das: Dieser Altar ist nicht irgend ein Tisch. Er ist in den Dienst des Hohenpriesters Jesus Christus gestellt. Auf ihm wird das Kreuzesopfer Christi Gegenwart.

Die Beräucherung des Evangelienbuchs macht deutlich, dass hier Christus zu seiner Gemeinde spricht; er wird mit Weihrauch geehrt. Der Weihrauch versinnbildlicht aber auch den Duft der Lehre Christi und will sichtbar machen, wie sein Wort sich ausbreitet und zu allen Menschen dringt, ja von ihnen sogar mit der Luft eingeatmet wird. Weihrauch gilt als "Duft der Erkenntnis Christi" (2 Kor 2,14) und zeigt  seine Anwesenheit.

Die Beräucherung von Brot und Wein, die bei der Opferung dreimal bekreuzend und dreimal umkreisend inzensiert werden, sondert die Gaben aus dem Alltagsbereich heraus. Mit der Wolke aus Weihrauch sollen sie in den Raum Gottes aufsteigen: die Wolke ist ja ein altes Zeichen der Gegenwart Gottes.

Der Priester wird beräuchert zum Zeichen dafür, dass er in der Person des Hohenpriesters Christus handelt. Die versammelte Gemeinde wird beräuchert als Ausdruck dafür, dass alle Getauften das "priesterliche Volk Gottes", Mitfeiernde und Mitopfernde sind. Im 2. Korintherbrief wird die Gemeinde als "Christi Wohlgeruch" (2 Kor 2, 15) bezeichnet.

Der Mensch darf und soll Gott nicht nur mit dem Verstand und dem Wort loben, sondern auch mit Zeichen. Die Liturgie des Gottesdienstes ist ein Gesamtkunstwerk, in dem auch der Weihrauch einen wichtigen Platz hat. Manche sind gegen Weihrauch und wollen ihn im Gottesdienst möglichst vermeiden. Aber Duft schafft Atmosphäre, das wissen Menschen von heute sehr zu schätzen. Die vielerorts verwendeten Duftlämpchen geben Zeugnis davon. Kein Wellnessangebot kommt ohne Duft aus. Sollten wir es hinnehmen, dass es in den Wohnungen der Menschen, ja sogar in Kaufhäusern und Betrieben besser riecht als im Haus des Herrn? Die Feier des Gottesdienstes ist eine Wirklichkeit in heiligen Zeichen, die wir mit allen unseren Sinnen erleben dürfen.

Amen.